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"Wenn die Flut kommt"
Originaltitel : Quand la mer monte
Produktion : Humbert Balsan, Catherine Burniaux ; Frankreich 2004
Verleih : Ventura
Laufzeit : 90 Minuten
Start : 08.06.2006
Regie : Yolande Moreau, Gilles Porte
Buch : Yolande Moreau, Gilles Porte
Kamera : Gilles Porte
Musik : Philippe Rouèche
Darsteller : Yolande Moreau, Wim Willaert, Olivier Gourmet, Jackie Berroyer, Philippe Duquesne, Jacques Bonnaffé
Irène tourt mit ihrer One-Woman-Show durch Nordfrankreich und Südbelgien und begegnet Dries, einem Marionnettenbauer und Lebenskünstler. Für den Zeitraum der Tournee, quasi eine Auszeit in ihrem eigentlichen Leben, gibt sich die Komödiantin dem Zauber ihrer erwachenden Liebe hin. Gilles Porte und Yolande Moreau bieten mit ihrem Erstlingswerk ein liebvoll gedrehtes Roadmovie über den Wunsch, sich immer wieder neu zu verlieben.
Irène führt ein ausgefülltes Leben. Sie ist verheiratet, hat ein Kind und einen spannenden Beruf. Mit Dries zieht eine Prise Fantasie in ihren Alltag. Letztendlich mag man fast überrascht sein, dass eine derart schlichte Geschichte, die ohne grössere Künsteleien oder verschachtelte Psychodramen auskommt, so bewegend sein kann. Dabei hat der Film als Komödie einen schweren Start : Der Humor in Irènes Bühnenstück, das von einer Frau mittleren Alters handelt, die ihren Mann umgebracht hat, ist sehr finster. Ihre Tournee führt sie durch graue und trübselige Industrielandschaften, durch Bistros mit ihren armseeligen, unentwegt biertrinkenden Stammgästen, und triste, in erdrückendem Blumendekor gehaltene Hotelzimmer. Doch Yolande Moreau, Hauptdarstellerin und Co-Regisseurin, flösst diesen Kulissen eine leicht tragische Poesie ein. "Wenn die Flut kommt" ist eine Fabel über die Einsamkeit; die Einsamkeit der Komödiantin auf Tournee einerseits, jene des von der Gesellschaft ausgeschlossenen Träumers andererseits. Und so ist die Liebesgeschichte vor allem auch die Geschichte eines grossen Missverständnisses, wenn jeder seine eigenen Wünsche und Träume in den anderen hineinprojiziert. Letztendlich scheitert die Romanze daran, dass Dries in ihr mehr Halt sucht, als Irène zu geben bereit ist. Doch wie sagt die Komödiantin bereits in ihrem Bühnenstück : "Allein der Beginn einer großen Liebe zählt. Wie sie endet ist nebensächlich".
Gilles Porte filmt die Industrielandschaften des Nordens Frankreichs ganz ohne Pathos, und erhellt sie durch die unwahrscheinliche und zugleich so selbstverständlich erscheinende Liebesgeschichte. Erst durch sie werden der Sand der Dünen, der Wind und der bewölkte Himmel zur surrealistischen und verzaubernden Kulisse einer Verwirrung der Gefühle, die leicht und bitter zugleich ist. Yolande Moreau und Gilles Porte, Drehbuchautoren und Co-Regisseure, filmen die Banalitäten des täglichen Lebens auf Augenhöhe mit ihren Figuren, und hauchen ihnen jenen Charme ein, der sie so liebenswert macht. Letztendlich sind es gerade auch die finanziellen Nöte während des Drehs, die Improvisation mit den Statisten, dieses liebevolle Patchwork mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, die dem Film in jeder Szene seine Menschlichkeit geben. So mag man in "Wenn die Flut kommt" noch den Enthusiasmus seiner Macher spüren - von Gilles und Yolande über die Techniker bis hin zu den Statisten - eine Stimmung, wie man sie sonst eher aus Kurz- oder Studienabschlussfilmen kennt. Wer den außergewöhnlichen Bildern Augen und Herz öffnet, wer bereit ist, sich überraschen zu lassen, der erlebt in diesem ehrlichen kleinen Film einen großen Kinogenuss.
Critique du film en allemand - Andrea KLINGSIECK
Drehbericht : "Wenn die Flut kommt"Die Komödiantin Irène zieht mit ihrer One-Woman-Show durch den Norden Frankreichs. Dort lernt sie den Marionettenbauer und Lebenskünstler Dries kennen. Gilles Porte und Yolande Moreau, welche auch in der Hauptrolle zu sehen ist, mussten gegen einige Flutwellen ankämpfen, um sich mit ihrem liebevoll gedrehten Roadmovie durchzusetzen.
Der Kameramann Gilles Porte hatte Yolande Moreau und die Figur Irène in ihrer One-Woman-Show "Sale affaire" entdeckt, mit der die Schauspielerin in den neunziger Jahren durch Frankreich tourte, und sich eine Geschichte dazu ausgedacht : "Ich habe Yolande besucht, mit ein paar Seiten Text und vielen Ideen, und daraus sind fünf Jahre einer gemeinsamen Arbeit am Drehbuch entstanden".
Doch zum Zeitpunkt der Aufstellung eines Finanzplans will kein Fernsehsender in ein Filmprojekt investieren, in dem Yolande Moreau eine verliebte Frau spielt. Nicht glaubwürdig genug ? Nicht jung, schön, bekannt genug ? Gilles Porte schnaubt vor Wut : "Ich habe immer an den Film geglaubt, und meine Hauptmotivation war Yolande. Für mich ist sie eine der fünf größten Schauspielerinnen Frankreichs".
Die Arbeit am Drehbuch und vor allem die Suche nach den Mitteln dauern fünf Jahre an. "Wenn die Flut kommt" wird letztendlich durch den Einnahmenvorschuss aus dem französischen Filmfonds, einem vergleichbaren belgischen System, sowie der Region Nord-Pas-de-Calais finanziert - insgesamt knapp eine Million Euro.
In der Zwischenzeit reisen Gilles und Yolande durch Nordfrankreich und suchen passende Drehorte. "Ich habe die entsprechenden Szenen gemimt, und Gilles hat ausprobiert, wie er das filmen könnte", erinnert sich Yolande. Gilles entwirft Zeichnungen für jede Szene, heftet sie an eine Wand, tauscht regelmäßig die Anordnung und studiert immer wieder den gesamten Ablauf. Yolande konzentriert sich auf die Dialoge. "Manchmal brachte sie zwei Sätze mit, die ihr während der Autofahrt eingefallen waren, und manchmal vier Seiten". Und immer wieder treffen sich die beiden, um ihre Ideen und Ansichten zu vergleichen. Nach dem Drehbuch beginnt die Zusammenarbeit als Regisseure - für beide eine Premiere, die sie mit viel Bescheidenheit angehen : "Yolande, die jeweiligen Darsteller und ich haben uns zu Beginn jedes Drehtags versammelt, um gemeinsam über die Szene zu beraten. Jeder konnte seine Ideen und Meinungen einbringen."
Da der Film keinen Produktionsleiter hat ist Gilles selbst für alle finanziellen Aspekte des Drehs verantwortlich. "Ich hätte mich lieber nicht darum gekümmert, aber andererseits war es besser, ich tue das, als Yolande, die auch vor der Kamera stand. Es ist besser, wenn nur ich während des Drehs der Szene in den Dünen weiß, dass der Koch nicht mehr genug Geld hat, um für die Crew zu kochen, und nicht Yolande, die in den Dünen singt. Denn ich weiß nicht, ob sie dann noch genau so gesungen hätte." Gilles nimmt Einschnitte im Budget vor, dreht nur mit 16-Millimeter-Filmen und fast ausschließlich in Originallocations. Das Geld reicht nur für wenige bezahlte Statisten. Also bietet er 4.000 Statisten an, sich kostenlos die One-Woman-Show von Yolande anzuschauen und im Gegenzug dabei gefilmt zu werden. Eine riskante Vorgehensweise, sowohl für sie, die vor einem wirklichen Publikum spielt, als auch für Gilles, der in nur einer Aufnahme dreht, ohne die Möglichkeit, Einstellungen zu wiederholen. Der Ton und die Lacher in diesen Szenen sind live und verleihen dem Film zusätzlichen Charme. "Letztendlich war der Geldmangel künstlerisch ein Gewinn", versichert Gilles.
"Wenn die Flut kommt" erntet am Rande des Festivals von Cannes 2004 minutenlange Standingovations. Die Presse verliebt sich in den ungewöhnlichen, kleinen Film und widmet ihm warmherzige Kritiken - für den Film umso entscheidender, als er sich keine andere Promotion leisten kann. Die französischen Major teilen diese Begeisterung jedoch nicht und nehmen ihn landesweit in nur zwei Sälen ihrer Kinoketten auf. Für sie erscheint der Film, der ihnen so gar nicht ins Programm passen mag, nicht lukrativ genug. Doch die Flüsterpropaganda setzt sich durch und drei Wochen nach Kinostart ist der Film mit insgesamt 70 Kopien in ganz Frankreich zu sehen – dank der Programmkinos, die ihn in ihren Sälen behalten. Und dank der beiden Regisseure, die monatelang ihren Film in mehr als 150 Städten persönlich vorstellen : in Kleinstädten, sozial benachteiligten Vororten, in Dörfern, in denen es seit Jahren schon keinen Kinosaal mehr gibt ; vor Zuschauern verschiedener Generationen, verschiedener sozialer und kultureller Milieus, die sich in dem kleinen Film wieder finden. "Am meisten haben mich jene Zuschauer berührt, die mir gesagt haben, dass sie schon seit Jahren nicht mehr im Kino waren. Ein Bekannter hatte sie angerufen und gesagt : 'Guck dir das mal an. Das lohnt sich.' Und sie haben sich den Film angesehen und mir hinterher gesagt : 'Also, ich weiß auch nicht wieso, in dem Film passiert eigentlich nicht viel, aber er hat mich umgehauen'. Die schönste Auszeichnung für uns waren die Reaktionen der Zuschauer".
Andere Auszeichnungen folgen. Der Film erhält 2005 den César des besten Erstlingsfilms, Yolande Moreau den Preis der besten Darstellerin. Konnte der Film bisher immerhin 300.000 Zuschauer anziehen, hofft er nun darauf, endlich auch von den großen Kinoketten aufgenommen zu werden. Doch in der Woche nach den Césars erhält "Wenn die Flut kommt" kaum zusätzliche Kinosäle. Gilles Porte macht seinem Unmut in den Medien Luft und bittet den Ombudsmann der Regierung um Hilfe, welcher die Major UGC und Gaumont/Pathé quasi dazu "zwingt", den Film in ihr Programm aufzunehmen – insgesamt 89 Leinwände in ganz Frankreich. "Mehr wollte ich auch gar nicht. Ich hätte nach den Césars auch lieber meine Klappe gehalten", gesteht Gilles. "Aber ich musste an Kollegen denken, die gegen die gleichen Windmühlen ankämpfen wie wir und die nicht diesen Preis haben, um sich Gehör zu verschaffen".
Article sur la création du film, l'histoire de sa genèse
jusqu'au combat de Gilles Porte après les Césars
Andrea KLINGSIECK
NewYork Times - MOVIE REVIEW | 'WHEN THE SEA RISES' (January 13, 2006)Irène (Yolande Moreau), the magnetic central character of "When the Sea Rises," is a soft, round woman with a sweet face, well into middle age, who performs her touring one-woman show, "Nasty Business - Sex and Crime," at school auditoriums and retirement centers in towns around the French-Belgian border. Her stage alter ego, a coarse, blunt clown, emerges onstage with blood-stained hands, having just killed her lover, and immediately scours the audience with a flashlight, in search of a new man.
Peering from behind a papier-mâché mask with a giant, ugly beak, Irène, who without her makeup suggests a softer-edged Gallic Roseanne Barr, selects a male "chicken" from the audience to be her onstage partner in crime and the target of affectionate humiliation. In one performance, she pulls out a water pistol and demands that the men in the audience toss their shoes onto the stage; they happily oblige.
This French-Belgian movie is a serious romantic comedy with surreal touches. One of Irène's chickens begins following her around, and they have a tender but futureless affair. Although Irène has a husband and child with whom she keeps in regular touch by cellphone, her career as a traveling entertainer seems divorced from any home life. As she drives her Peugeot from one low-rent hall to the next, you come to see her as a brave, lonely soldier of comedy, toting a suitcase in one hand and the chair that is her principal stage prop in the other. Stalwart but sad, and at moments almost monumental, she is a figure of mournful comfort.
As the movie continues, the lines between Irène's stage character, her everyday life and her romantic fantasy life (delirious arias from "La Traviata" accompany her on the soundtrack) begin to blur.
Ms. Moreau's performance deservedly won her a César (the French counterpart to an Oscar) for best actress. And as you watch her sink into this semiautobiographical role (she was herself a touring performer in the 1980's), the character emerges as a deep, multilayered woman: kind, gentle and happily partaking of life's simple pleasures much of the time, but when necessary, as tough as her stage character through whom she relishes expressing her residual anger at life's hardships and disappointments.
Her admirer, Dries (Wim Willaert), the superannuated hippie who evolves from chicken to stage-door Johnny to boyfriend, is a childlike dreamer who lacks Irène's hardheaded side. He ekes out a meager living carrying parade floats and lives in the garagelike workshop where they're stored. Fired one morning for being late for a second job unloading crates of produce at a supermarket, he shrugs and makes off with a bunch of leeks. He is at once charming and pathetic.
They first meet on the road when Irène's car breaks down, and he stops on his motorbike to fix it. As a thank you, she offers him tickets to her show in a local theater. He shows up with some friends, and after being selected as her chicken for the evening, insinuates himself into her life and her act as her regular chicken and foolishly begins to imagine himself her professional show business partner. For a bittersweet moment, these two likable people allow themselves to be fools for love.
"When the Sea Rises" is a collaboration (both screenplay and directing) between Ms. Moreau and Gilles Porte, the film's cinematographer. His idealized vision of life in semirural northern France portrays it as a robust, happy culture of people who know how to live in the moment and lack grandiose expectations. Like the ending of the movie, this vision is a little too sweet and comfy to swallow whole.
Opens today in New York.
Written (in French, with English subtitles) and directed by Gilles Porte and Yolande Moreau; director of photography, Mr. Porte; edited by Eric Renault; music by Philippe Roueche; production designer, Marc-Philippe Guerig and Serge Berkenbaum; produced by Humbert Balsan and Catherine Burniaux; released by New Yorker Films. Running time: 89 minutes. This film is not rated.
WITH: Yolande Moreau (Irène), Wim Willaert (Dries), Olivier Gourmet (The Policeman), Jacky Berroyer (Béthune Journalist), Philippe Duquesne (Owner of the café Giants) and Bouli Lanners (Head of the March).
By STEPHEN HOLDEN
NewYork Post - IT'S A TASTY FRENCH KISS - WHEN THE SEA RISES (January 13, 2006)By V.A. MUSETTO
Newsday - NOW PLAYING - 'When the Sea Rises' (January 13, 2006)JAN STUART
Le Matin du Sahara et du Maghreb 2005 - Clôture du festival du film francophone de Safi
Strictly Film School - When the sea rises... (21 mars 2005)
New York Sun (18 mars 2005)Michael Atkinson
Village Voice
César setzt starke Zeichen : Triumph des unabhängigen FilmsAndrea KLINGSIECK
Marc-André LUSSIER